Meine HeldInnenreise

Geschichten haben mich seit jeher in ihren Bann gezogen. Besonders die Zauberwelt der Märchen hatte es mir als kleines Mädchen angetan. In ihrer einfachen und schlichten Art ermöglichte sie mir früh Zugang zu Welten, jenseits von Realität und Vernunft. Erst sehr viel später habe ich erkannt, dass jedes Märchen eine tiefe Wahrheit enthält und für unseren Lebensweg wertvolle Hinweise und Unterstützung liefert.

Mein Lebensweg ist eng verwoben mit dem „Märchen vom Mädchen ohne Hände“; wie im gleichnamigen Märchen habe ich oft meinen Instinkt und mein Feingefühl gegen ein angepasstes, vermeintlich sicheres Leben getauscht …

Die ersten 28 Jahre meines Lebens habe ich meine Fähigkeit perfektioniert, ein Leben zu leben, das den Vorstellungen meiner Eltern und meinem Umfeld entsprach. Allerdings fiel in die Zeit meiner Geburt auch die Phase der Studentenrevolte und die Befreiung der Sexualität der Frau durch die Pille.

Die damalige Zeitqualität, das Zusammentreffen von konservativem Bürgertum und Hippiebewegung ist noch heute ein Teil meiner Persönlichkeit:

Auf der einen Seite passte ich mich an, auf der anderen Seite strebte ich nach Freiheit, Autonomie und Selbstbestimmung. Der konservative „Teil“ in mir absolvierte den klassischen Werdegang von Schule, Abitur, Studium und Start in das Berufsleben, nebst Gründung einer eigenen Familie, der „Hippiekeim“ verlangte immer wieder nach kleinen und größeren „Revolutionen“.

So habe ich als junges Mädchen mit Autos und Eisenbahn gespielt, heimlich erotische Bücher aus der Schublade meines Vaters gelesen und während der wilden Jahre meiner Pubertät mit den Lehrern und Lehrerinnen der Klosterschule eifrig über Recht und Gerechtigkeit diskutiert.

Revolution!

Aufbruch!

Die Geburt meiner Tochter stellte mein Leben auf den Kopf. Bei meinen eigenen Kindern (mein Sohn kam drei Jahre später zur Welt), war ich nicht mehr bereit, das „Spiel der Anpassung“ zu wiederholen. Ich spürte, dass ich die emotionale Gewalt, die mir angetan worden war, nicht weitergeben konnte und wollte.

Meine Ängste, Bedürfnisse oder Wünsche wurden häufig nicht ernst genommen, außer sie deckten sich (siehe oben) mit den Vorstellungen meiner Eltern oder der Gesellschaft. Ganz im Gegenteil, oft wurde ich nicht beachtet oder abgelehnt.

Das Verständnis für die Einzigartigkeit und Besonderheit eines jeden Menschen wuchs mit jedem Tag, an dem ich meine Kinder in ihrem Wachstum begleitete. Obwohl „in meinen Kreisen“ das Stillen, Tragen von Kindern und das gemeinsame Eltern/Kindbett nicht die Norm war, entdeckte ich in diesem ursprünglichen Weg meine Wahrheit und meinen Weg.

 

Bald hinterfragte ich meinen Beruf als Lehrerin in einem System, das mehr die Anpassung als die Individualität fördert und schloss mich einige Jahre später einer Schulgründungsinitiative an, deren zwei Säulen die Freiheit des Einzelnen und das Wohl der Gemeinschaft auf Basis demokratischer Strukturen sind. (http://www.sudbury-schule-ammersee.de/home.html ).

Hier fand ich, wonach ich gesucht hatte: Ein Gleichgewicht zwischen der Verantwortung im Leben und der Entfaltung der Individualität.

 

In diesem Geist habe ich auch meine Kinder zu selbstbestimmten Erwachsenen begleitet. Trotz Anfeindung, Ablehnung und Ausgrenzung kann ich heute sagen: „Ja, ich würde es genauso wieder machen.“

2007 trennte ich mich vom Vater meiner Kinder, um ihm und mir das Leben zu ermöglichen, das für uns jetzt stimmte. Zu sehr hatte ich mich verändert, es passte nicht mehr. Gleichzeitig begann ich meine psychologischen Kenntnisse zu vertiefen und verbrachte die nächsten Jahre mit Seminaren und Weiterbildungen, denn ich spürte, dass mein Hauptinteresse nicht die Vermittlung von schulischem Wissen, sondern die Begleitung von Menschen auf dem Weg zu Selbstbestimmung und -entfaltung war. Dabei entdeckte ich mehr und mehr meine intuitive Begabung, und meine Neugier auf alternative Weisheit jenseits der anerkannten Wissenschaften wuchs. Ich machte u.a. eine schamanische Ausbildung und vertiefte meine Kenntnisse in Astrologie.

Wandel!

Nach der Trennung von meinem Mann zog ich mit meinen Kindern in meine erste „eigene“ Wohnung. Ein Schritt, der für mich, einer innerlich heimatlosen Frau, eine riesige Herausforderung war und der zum Teil gelang, weil ich mich bereits wieder in Beziehung mit einem neuen Partner befand.

Auch spürte ich in dieser Phase zum ersten Mal die Veränderungen durch die Wechseljahre oder Wandeljahre, wie ich sie liebevoll nenne. In dieser Zeit beschäftigte ich mich viel mit meiner Weiblichkeit, mit meinem „Frau-sein“ und spürte, das nicht nur mein „Menschsein“, sondern auch der Ausdruck meines Frauseins stark von Vorstellungen geprägt war und mit einem Blick in die Gesellschaft wurde mir klar, dass die Unterdrückung des „weiblichen Prinzips“ nicht nur uns Frauen, sondern auch unserer Gesellschaft einen immensen Schaden zugefügt hat.

 

Doch, was heißt denn „Frausein“ in unserer Zeit? Hat uns die Emanzipation wirklich befreit oder nicht? Ich glaube, dass wir aufgefordert sind, Frauen wie Männer, ein neues Selbst - und Paarbewusstsein  zu initiieren und zwar nicht in Form einer Vorgabe, der wir versuchen zu entsprechen, sondern, indem wir uns selbst auf den Weg machen. 

 

Vor fünf Jahren bin ich erneut aufgebrochen, habe mich weiter auf „meinen Weg“ gemacht. Denn trotz oder gerade wegen des „Getragenseins“ in meiner Beziehung hatte ich erste Anzeichen einer Depression, die sich mehr und mehr verstärkten. Obwohl jede(r) andere in meiner Situation sich niemals getrennt hätte, wusste ein Teil von mir, dass dort der Schlüssel für meine Heilung liegen würde. Meine Sehnsucht „ganz zu sein“, mich zu leben und auch wirklich unabhängig von innen heraus zu werden, waren größer als meine Angst.

Es folgten vier Monate in einer Klinik und weitere elf Monate, in denen ich mit einem Bein hier und mit dem anderen Bein auf der „anderen Seite“ stand. In diesem Rückzug öffnete ich mich für das Unbewusste und erlaubte mir, dass Prozesse in meinem Inneren, ohne mein aktives Zutun, geschehen konnten.

Es ist wohl die bisher dunkelste Zeit in meinem Leben gewesen und gleichzeitig die lichtvollste, denn ich war immer und zu jedem Moment getragen. Ich hatte und habe Menschen an meiner Seite, die mir auf Augenhöhe begegnen und die mich sehen, wie ich bin und nicht, wie ich sein sollte. Meine Verbindung zu meiner inneren Stimme und zur geistigen Welt sind das Leuchten auf meinem Weg.

 

Heute habe ich das Gefühl, vollkommen neu geboren zu werden, so, wie ich eigentlich „gedacht“ war und tatsächlich empfinde ich dieses, mein „neues“ Leben als großes Geschenk und um so viel näher am Kern meines eigentlichen Seins, dass ich manchmal selbst sprachlos bin darüber, wie sich ein Leben anfühlt, wenn es wahrhaftig ist.

 

Das beginnt mit Kleinigkeiten, zum Beispiel meinem Wunsch nach Ästhetik bei mir selbst und in meiner unmittelbaren Umgebung, zu essen, was mir gut tut, einen individuellen Tagesrhythmus zu leben. Es geht weiter damit, Stopp zu sagen und Grenzen zu setzen, wenn ich etwas nicht will und Verantwortung zu übernehmen und zuletzt ist es die Fähigkeit, mich selbst zu tragen, wenn ich mich schwach und einsam fühle. Denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich nicht abstürze und das am Ende jeden Tunnels wieder Licht aufscheint.

 

Märchen enden immer mit dem Spruch, “…und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Ich möchte ihn gerne umwandeln und für mich anpassen: Was von mir heute lebt, nach all den Jahren des Wandels, ist eine Frau, die sich mehr und mehr ihrer selbst bewusst ist, die aufgehört hat nach den Vorstellungen zu leben, die von außen an sie herangetragen werden und die sich mit ihrem ursprünglichen Instinkt und ihrer Intuition verbunden hat.

 

Aus dem ohnmächtigen „Mädchen ohne Hände“ ist eine erwachsene Frau geworden, die sich ihrer Weiblichkeit bewusst ist und ihrer Berufung folgt. Genau bei diesen Themen will ich andere Frauen begleiten und beraten.

 

 

Machen wir uns gemeinsam auf den Weg!

 

Kirsten Haenisch 

Januar 2020

Befreiung!

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kirsten haenisch
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